Das ist heute wichtig, Chef!

“Das Gemüsebeet über dem 13. Stock”

Stadt, Land, Dach! Der Durchbruch der Generation Stadtfarm.
Tomaten, Gurken & Barsche – direkt vom Hauptstadtgründach auf den Gourmetteller.

Urbane Landwirtschaft ist ein mittlerweile alltäglicher Bestandteil der Hauptstadtbezirke. Mehrere hunderte Freizeitbauern frönen dem sozialen Kiezleben mit Harke und Tomate. Zudem ist die Landwirtschaft in der Großstadt der Anfang einer gewinnbringenden Unternehmung.

Grüner Kitt gegen Kiezverfall
Die Datschen im Speckgürtel der Stadt bekommen Konkurrenz. Anstatt aufs Land zu ziehen, um den Hobbybauern in einem zu erwecken, holen sich die Hauptstädter mehr und mehr die Landwirtschaft in die 3,5 Millionen Metropole. Zum einen weiß man nach EHEC und Co., was auf dem heimischen Teller landet. Zum anderen bilden die Mitmachgärten, wie schon ihr New Yorker Vorbild aus den 70-er Jahren, einen sozialen Kitt gegen den Kiezverfall. Das Projekt „Allmende-Kontor“ zum Beispiel, beherbergt bereits 700 Gärtner auf dem ehemaligen Flughafengelände Tempelhofer Feld. In der Geschichte Berlins auch als Exerzierplatz genutzt, werden seit der Schließung des Zentralflughafens im Jahre 2008 auf dem 350 Hektar großen Areal, Grünflächen zum freien Anbau zur Verfügung gestellt. Alle 300 Beete waren bereit nach kurzer Zeit vergeben, 250 Gärtner stehen auf der Warteliste und fiebern ihrem Stadtbeet entgegen. Ein anderes grünes Vorzeigebeispiel sind die „Prinzessinnengärten“ in Kreuzberg. Seit drei Jahren verkaufen die ackernden Kreuzberger ihr selbst angebautes Gemüse, im Angebot haben sie eine stattliche Auswahl von knapp 500 verschiedenen Pflanzen. Aber schon im nächsten Jahr droht das politische Aus. Der Eigentümer, der Berliner Liegenschaftsfonds, plant, das 6000 m² große und lukrativ gelegene Grundstück am Moritzplatz noch 2013 zu verkaufen.

Millionenschwere Innovation Tomatenbarsch
Auf dem Gelände der alten Malzfabrik hingegen braucht man sich nicht mit mietrechtlichen Nutzungsfragen herumzuschlagen. Hier haben vier Freunde die Nachfrage nach lokal angebautem Gemüse mit Hilfe des Berliner Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in eine innovative Geschäftsidee verwandelt. Sie bauen und ernten einfach auf den Dächern der Stadt, ohne Erde, dafür mit viel recyceltem Wasser. Ihre Firma heißt ECF | Efficient City Farming, ihre Erfindung haben sie Tomatenbarsch getauft. Bestaunen kann man diese in ihrem Showcontainer, hier demonstriert Mitgründer Christian Echternacht interessierten Kunden, wie ihre skurrile Idee funktioniert. Im Inneren des ausgemusterten Überseecontainers steht ein Aquarium, darin tummeln sich etwa 200 Buntbarsche. Die Stoffwechselendprodukte der Fische werden in einer Filteranlage in Nitrat umgewandelt. Mit dem dadurch entstandenen Dünger werden nun in einem Gewächshaus auf dem Dach des Containers rund 100 Tomatenpflanzen angebaut. Auf 16 Quadratmetern befinden sich außerdem Salatköpfe, Chilis, Basilikum und andere Kräuter. Durch den fast geschlossenen Wasserkreislauf sind beide Teile miteinander verbunden. Klingt genial wie einfach. Das, was die Fische ausscheiden, gelangt als Dünger zu den Tomaten im ersten Stockwerk. Die Pflanzen wiederum nehmen den auf und reinigen damit das Abwasser aus der Barschzucht. „Aquaponic“ heißt das patentierte Verfahren, dass Fischzucht (Aquakultur) und Pflanzenbau im Wasser (Hydroponik) kombiniert. Der Clou liegt für Christian Echternacht im Wasserverbrauch: “Das Wasser kann doppelt genutzt werden. Dadurch werden in unseren Farmen Wassereinsparungen von bis zu 50 Prozent erreicht.“ Die Frischfischzucht funktioniert somit auch kostengünstig dort, wo das Meer weit weg ist – auf Parkhausdächern etwa. Gerade deshalb ist „Aquaponic“ auch für Schwellen- und Entwicklungsländer von großem Interesse. Zum frischen Kundenstamm zählt aber nicht nur der bekannte VIP-Fan aus dem Bundestag. Neben der Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Ilse Aigner, die sich vor kurzem werbewirksam durch das Schöneberger Gewächshaus genascht hat, melden auch Einzelhandelsketten, aber auch Architekten, Hoteliers und Gastronomen Pläne zum Bau einer „Tomatenbarschfarm“ an. Beim immer lauter werdenden Ruf nach transparenter Kost, ist der Gedanke vom eigenen Gemüse, das neben dem gerade gefangenen Fisch auf dem Mittagstisch landet, eine köstliche Vorstellung

Aller Anfang ist teuer
Transportkilometer, Kühlketten und Pestizide könnten mit dem „Aquaponic“-System der Vergangenheit angehören. Der Wasserverbrauch ist gering, fast CO2-neutral ist die ECF-Produktionsbilanz. Der Grund dafür liegt im fast geschlossenen Aquarium-Gewächshaus-Kreislauf, denn hier wird das CO2 der Fische von den Pflanzen gebunden. Der Traum vom transparenten, nachhaltigen Nahrungsanbau hat allerding einen teuren Haken. Selbstversorger sieht Echternacht nicht auf seiner Bestellliste: “Rentabel werden unsere Farmen erst ab einer Größe von mindestens 600 Quadratmetern. Alle Kosten zusammengerechnet, kommen wir auf eine Grundinvestition von 1.000.000 Euro.“ Allein der Schöneberger Prototyp kostet in der Anschaffung 35.000 Euro. Einmal gestartet, ist es vor allem der Energieverbrauch, der die Kosten in die Höhe schießen lässt. Zwar ist der Wasserbedarf sensationell gering, aber Strom muss in großen Mengen fließen. Wasserpumpen und Heizstäbe verbrauchen zwischen 500 und 1400 Watt – pro Stunde. Trotz der hohen Stromrechnung steht einem flächendeckenden Erfolg nichts im Weg. Der Wegfall der Transportkosten ist ein weiterer Gewinngarant. Denn ein Bauer liefert immer erst an seinen Zwischenhändler. Er bekommt aus diesem Grund nur einen minimalen Anteil dessen ausgezahlt, was die Tomate später im Laden kostet. Die Zwischenhändlermargen für Transport, Kühlketten und Lagerung bleiben bei unserem System beim Betreiber der Stadtfarm selbst. Auf einer Fläche von 100 m², so rechnet ECF, lassen sich jährlich 50 Tonnen Tomaten ernten und etwa 8 Tonnen Buntbarsch züchten. Insgesamt sind 400 Gemüsesorten für die „Aquaponic“ geeignet. Ein weiterer Punkt, warum die Betreiber der Stadtfarmen in eine millionenschwere Zukunft blicken, haben sie der wissenschaftlichen Zusammenarbeit mit dem Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) zu verdanken. Denn das angewandte System kann nur mit zwei patentierten Komponenten funktionieren, dem Einweg- Ventil und der Wasserrückgewinnung. Beides sind Erfindungen des IGB und somit vor billigen Nachahmern geschützt. Guten Appetit!

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