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Vom kaputten Vorverstärker zum Bugatti mit 1001 PS

Es ist eine dieser Geschichten aus dem Märchenbuch des Mittelstands. Junger Radio- und Fernsehtechniker aus dem niedersächsischen Lüchow-Dannenberg kommt zum Studium der Elektronik und Nachrichtentechnik 1968 nach Berlin und gründet 1972 ein kleines Ingenieurbüro für medizinische Messgeräte und Computerinterfaces in der Stadt. Der Name: Dieter Burmester.

Mitte der 70er-Jahre geht der Vorverstärker seiner Stereoanlage kaputt. Burmester vertieft sich in die Materie und stellt fest, dass die Medizintechnik-Geräte in seinem Büro weitaus fortschrittlichere Schaltungsdesigns haben als aktuelle Hi-Fi-Komponenten. Also greift er zum Lötkolben und fängt an, seinen eigenen Vorverstärker zu bauen. Mit Erfolg. „Mir hat das Gerät gefallen. Meinen Freunden auch“, erinnert sich Burmester. Und damit war der Grundstein gelegt für die Burmester Audiosysteme GmbH. Das war 1977.

35 Jahre nach der Gründung steht der geschwungene Burmester-Schriftzug auf der verchromten Frontplatte für die Spitze des technisch Machbaren bei der Wiedergabe von Musik-Konserven. Und das weltweit. Der 1946 in Österreich geborene Ingenieur verkauft mit seinen 50 Mitarbeitern vom Betrieb in Berlin-Schöneberg aus seine Produkte weltweit in 43 Länder auf allen Kontinenten. Vor allem Asien boomt derzeit, aber auch Europa und USA bleiben wichtige Märkte. Dazu muss man wissen, dass Burmesters Produkte auf den ersten Blick, vorsichtig formuliert, nicht so ganz billig sind. Einzelne Komponenten der Einsteigerserie „Rondo“ liegen bereits im mittleren vierstelligen Bereich, und eine komplette Anlage der Flaggschiff-Linie „Reference“ kann problemlos 300.000 Euro erreichen.

Ein Hightech-Spielzeug für Reiche also? „Es gibt Musikliebhaber, die sich das vom Munde absparen“, kontert Burmester. Manche kauften ihre Anlage aus einzelnen Komponenten über mehrere Jahre, auch auf dem Gebrauchtmarkt: „Es kommen alle Bevölkerungsschichten.“

Wenn es um den Wert seiner Produkte geht, lässt Burmester ohnehin nicht mit sich spaßen. Denn der Tüftler und Ingenieur ist nur die eine Seite des Firmengründers – hinter dem Techniker verbirgt sich ein leidenschaftlicher Musiker, mit eigenem Profi-Studio und einer Gitarrensammlung, der seit seinem 15. Lebensjahr Gitarre und Bass spielt und viele Jahre auf professionellem Niveau in Bands verbracht hat.

Und dem Musiker Burmester geht es beim Thema Stereoanlage um viel mehr als um Gehäuse und Halbleiter: „Wir verkaufen nicht die Technik. Wir helfen, die Kultur ins Wohnzimmer zu holen.“ Und das meint er durchaus wörtlich: „Die Leute wollen einen Karajan hören. Oder einen Elvis. Oder meinetwegen jetzt auch einen Michael Jackson. Das ist doch Kultur. Und die können wir wiederbeleben, und zwar in einer Qualität, als wäre es live.“ Dieses emotionale Erlebnis sei es, was den wahren Wert einer Burmester-Anlage definiere. Vergleiche man das mit dem Preis, den zum Beispiel ein Gemälde der bildenden Kunst erziele, so relativiere sich auch der finanzielle Aufwand für die Komponenten aus der Schöneberger Manufaktur – zumal man obendrauf ja eben auch noch das technische Gerät bekomme.

Und bei der Technik – Emotionen hin oder her – spielt Burmester seit der Firmengründung 1977 in der obersten Liga mit. Was mit dem eingangs erwähnten Vorverstärker – der aus der Vermählung von Unterhaltungselektronik mit Medizintechnik entstand – begann, füllt heute eine eindrucksvolle Liste mit Industrie-Innovationen, beginnend mit dem ersten Vorverstärker mit steckbaren Modulen zur individuellen Anpassung an den vorhandenen Gerätepark (1980), über das riemengetriebene CD-Laufwerk im Jahr 1990 (welches für eine verbesserte Abkopplung des CD-Transports von etwaigen Motorgeräuschen sorgt – eine Erfahrung, die im Plattenspielerbau längst Common Sense war) bis hin zur Eigenentwicklung spezieller Lautsprecher-Chassis für den Automobilbereich (über die später noch zu sprechen sein wird).

Darüber hinaus hinterließ Burmester seine Fußabdrücke in einem Bereich, den wir heute als selbstverständlich ansehen: 1978 führte er bei einem neuen Gerät erstmals eine verchromte Frontplatte ein, die sein Markenzeichen werden sollte. „Bis dahin sahen alle Geräte aus wie Briketts“, lacht Burmester heute. „Ich wollte bis zur letzten Schraube suggerieren, welcher Aufwand in dem Gerät steckt.“

Vorbilder waren für ihn die Bauhaus-Designer – denn Chrom hat nicht nur optische und haptische Vorzüge, sondern überdauert in Schönheit viele Jahre, was dem Plan des Meisters nach möglichst langlebiger Funktion entsprach. Aus dem gleichen Grund – und inspiriert von automobilen Oldtimern – fanden altmodisch anmutende Kippschalter den Weg an seine Gehäusefronten.

Doch trotz aller guten Gründe: In der Hi-Fi-Szene verärgerte Burmesters Chrom-Design die strenggläubigen Puristen – und tut das bis heute, vor allem in Deutschland. Ein Umstand, mit dem der musizierende Ingenieur offenbar gut lebt – zum einen, weil ihm der Respekt innerhalb der Entwickler-Community auch so sicher ist („Hersteller untereinander sind manchmal netter als ihre Fans.“), und zum anderen, weil Burmesters Ideologie, beste Technik in würdigen Verpackungen anzubieten, noch andere Auftraggeber auf die Berliner Manufaktur aufmerksam werden ließ.

Im Jahr 2005 stellte Volkswagen mit dem Bugatti Veyron das ultimativ Machbare im Automobilbau vor – 1001 PS aus 16 Zylindern katapultierten den Boliden auf 407 Kilometer pro Stunde. Und das Soundsystem an Bord kam aus Berlin, von Burmester.

„Die haben mich angesprochen. Die wollten ein Statement machen. Da habe ich keine Zehntelsekunde überlegt“, erinnert sich Burmester. Es folgten Monate intensiver Forschung und schließlich die Quadratur des Kreises – denn im Bugatti ging es wegen der angestrebten Weltrekorde nicht nur um jedes Gramm Gewicht, es gab auch weder Platz für Bedienelemente noch vorhandene Einbauorte für Technik oder Lautsprecher.

Der Erfolg der Berliner machte einen weiteren Autobauer auf die Firma aufmerksam. Als Porsche 2009 das neue Modell Panamera zur Marktreife führte, wurde Burmester gebeten, ein Konzept für das Soundsystem vorzustellen. Mitbewerber waren drei global agierende Konzerne mit jahrzehntelanger Erfahrung im Car-Hi-Fi-Bereich. 120 Mitarbeiter im Porsche-Entwicklungszentrum Weissach testeten schließlich den Klang in vier anonymisierten Prototypen – und der Mittelständler von der Spree setzte sich gegen die etablierte Konkurrenz durch.

Aus dem Prototypen von damals hat sich längst eine gedeihliche Zusammenarbeit mit Porsche entwickelt. Und dass seine inhabergeführte Firma mit den Konzernen konkurrieren kann, ist für Burmester auch nichts Neues. Er hält die Situation in Deutschland mit einem funktionierenden Mittelstand für einen „unschätzbaren Vorteil“ – die Beweglichkeit und Schnelligkeit der mittelgroßen Unternehmen, die mit den großen Industriegiganten zusammenarbeiten, das sei einer der Hauptgründe für Deutschlands starke Position im Weltmarkt.

Wie alle Mittelständler kann er sich darüber aufregen, dass von der Politik keine Unterstützung zu erwarten ist: „Der Mittelstand muss es aus eigener Kraft schaffen. Wir kriegen die Sonntagsreden, und dann gehen die Subventionen an die Konzerne, die die Arbeitsplätze ins Ausland verlagern.“ Apropos Ausland: Burmester fertigt ausschließlich in Berlin, und auch fast alle Zulieferer kommen aus Deutschland, die meisten aus der Hauptstadt.

Damit sichert Dieter Burmester seit 35 Jahren die Qualität, die seiner Technik zu weltweitem Ruhm verholfen hat, und er sichert wichtige Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe. Wie gesagt, es ist eine dieser Geschichten aus dem Märchenbuch des Mittelstands. Aber sie ist kein Märchen, und das macht sie so bemerkenswert.

 

Kontakt:

Burmester

Audiosysteme GmbH

Wilhelm-Kabus-Straße 47

10829 Berlin

Tel.: 030 787968 0

Fax: 030 787968 68

E-Mail: Mail@burmester.de

Internet: www.burmester.de

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